Optionenradar

Grundlagen des Optionshandels

Von null bis zur ersten Stillhalter-Position – verständlich erklärt, ohne Formel-Overkill.

1. Was ist eine Option?

Eine Option ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien. Der Käufer erwirbt das Recht (aber nicht die Pflicht), einen Basiswert – etwa eine Aktie, einen Index, Rohöl oder Gold – zu einem vorher festgelegten Preis (Strike oder Ausübungspreis) bis zu oder an einem bestimmten Datum (Verfall) zu kaufen oder zu verkaufen.

Für dieses Recht zahlt der Käufer eine Prämie. Der Verkäufer – auch Stillhalter genannt – erhält diese Prämie sofort und geht dafür die Pflicht ein, zu liefern bzw. abzunehmen, falls der Käufer sein Recht ausübt.

Vergleich aus dem Alltag: Eine Option funktioniert wie eine Versicherung. Der Käufer zahlt eine Prämie, um sich gegen ein Ereignis abzusichern. Der Stillhalter ist die Versicherung: Er kassiert die Prämie und zahlt nur, wenn der Schadenfall eintritt.

2. Call und Put

Call (Kaufoption)Put (Verkaufsoption)
Recht des KäufersBasiswert zum Strike kaufenBasiswert zum Strike verkaufen
Käufer profitiert, wenn …der Kurs deutlich steigtder Kurs deutlich fällt
Verkäufer profitiert, wenn …der Kurs nicht über Strike + Prämie steigtder Kurs nicht unter Strike − Prämie fällt

Beispiel Put: Der S&P 500 steht bei 7’000 Punkten. Du verkaufst einen Put mit Strike 6’500 und 30 Tagen Laufzeit für 20 Punkte Prämie. Beim E-mini (50 $ pro Punkt) erhältst du 1’000 $. Bleibt der Index bis zum Verfall über 6’500, verfällt die Option wertlos – die 1’000 $ gehören dir. Fällt er auf 6’300, verlierst du (6’500 − 6’300 − 20) × 50 = 9’000 $.

3. Die vier Grundpositionen

PositionErwartungMax. GewinnMax. Verlust
Long Callstark steigendunbegrenztgezahlte Prämie
Long Putstark fallendStrike − Prämiegezahlte Prämie
Short Callnicht stark steigenderhaltene Prämieunbegrenzt
Short Putnicht stark fallenderhaltene PrämieStrike − Prämie (sehr hoch)

Käufer haben ein begrenztes Risiko, aber eine geringe Trefferquote. Verkäufer haben eine hohe Trefferquote, aber ein grosses Risiko bei seltenen, starken Bewegungen. Das Optionenradar konzentriert sich auf die Verkäuferseite.

4. Wichtige Begriffe

  • Im Geld (ITM): Die Option hat einen inneren Wert. Beim Call liegt der Kurs über dem Strike, beim Put darunter.
  • Am Geld (ATM): Strike ≈ aktueller Kurs.
  • Aus dem Geld (OTM): Kein innerer Wert. Stillhalter verkaufen typischerweise OTM-Optionen.
  • Innerer Wert: Was die Option bei sofortiger Ausübung wert wäre.
  • Zeitwert: Prämie minus innerer Wert. Er schmilzt bis zum Verfall auf null – davon lebt der Stillhalter.
  • Kontraktgrösse / Multiplikator: Wie viel ein Punkt wert ist, z.B. 50 $ beim E-mini S&P, 5 € bei der DAX-Option, 1’000 Barrel bei WTI, 100 Unzen bei Gold.
  • Amerikanisch / Europäisch: Amerikanische Optionen können jederzeit ausgeübt werden, europäische nur am Verfallstag.
  • Margin: Sicherheitsleistung, die der Broker für Short-Optionen verlangt. Sie kann sich bei Marktstress kurzfristig vervielfachen.

5. Wie entsteht der Optionspreis?

Der Preis einer Option hängt von sechs Faktoren ab: Kurs des Basiswerts, Strike, Restlaufzeit, erwartete Volatilität, Zinsen und (bei Aktien) Dividenden. Bewertet wird meist mit dem Black-Scholes-Modell bzw. für Futures mit Black-76.

Der einzige Faktor, der nicht direkt beobachtbar ist, ist die erwartete Volatilität. Deshalb handeln Profis Optionen eigentlich als Volatilität: Ist die Prämie im Verhältnis zur tatsächlichen Schwankung teuer oder billig?

6. Volatilität

  • Realisierte Volatilität (RV): Wie stark der Kurs tatsächlich geschwankt hat, z.B. über die letzten 20 Handelstage, annualisiert in Prozent.
  • Implizite Volatilität (IV): Die Schwankung, die in den Optionspreisen „eingepreist“ ist. Hohe IV = teure Optionen.
  • Vola-Indizes: VIX (S&P 500), VDAX (DAX), OVX (Rohöl), GVZ (Gold) messen die erwartete 30-Tage-Volatilität.
  • Volatilitäts-Risikoprämie (VRP): Historisch liegt die IV meist über der später realisierten Vola. Diese Differenz ist der statistische Vorteil des Stillhalters – sie ist eine Entschädigung für das Crashrisiko.
  • Laufzeitkurve: Normalerweise ist längerfristige Vola höher als kurzfristige (Contango). Kehrt sich das um (Backwardation), herrscht akuter Stress.
  • Skew: Puts weit aus dem Geld sind relativ teurer als Calls, weil Märkte schneller fallen als steigen.
Faustregel: Mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 68 % bewegt sich der Kurs innerhalb von ±1 Standardabweichung. Diese berechnest du so: Kurs × IV × √(Tage/365). Bei 7’000 Punkten, 18 % IV und 30 Tagen sind das ≈ 361 Punkte.

7. Die Griechen

GriecheMisst …Für Stillhalter wichtig, weil …
Delta (Δ)Preisänderung der Option pro 1 Punkt im BasiswertDelta ≈ grobe Wahrscheinlichkeit, im Geld zu enden. Ein 0,10-Delta-Put endet in etwa 10 % der Fälle im Geld.
Gamma (Γ)Änderung des DeltasHohes Gamma kurz vor Verfall: Positionen können schlagartig ins Minus kippen.
Theta (Θ)Wertverlust pro TagTheta ist das „Einkommen“ des Stillhalters. Es beschleunigt sich in den letzten 30–45 Tagen.
Vega (ν)Preisänderung pro 1 Prozentpunkt IVSteigt die IV, verliert der Stillhalter – auch ohne Kursbewegung.

8. Stillhalter-Strategien

Short Put

Verkauf eines Puts unter dem aktuellen Kurs. Gewinn, solange der Markt nicht unter den Strike fällt. Klassische Strategie bei neutraler bis positiver Erwartung. Risiko: starke Kursrückgänge.

Short Call / Covered Call

Verkauf eines Calls über dem Kurs. Ohne Absicherung (naked) ist das Risiko theoretisch unbegrenzt. Beim Covered Call besitzt man den Basiswert bereits und verkauft das Aufwärtspotenzial gegen Prämie.

Short Strangle

Gleichzeitiger Verkauf eines OTM-Puts und eines OTM-Calls. Gewinn, solange der Kurs zwischen den beiden Breakeven-Punkten bleibt. Ideal für Seitwärtsmärkte – Risiko auf beiden Seiten.

Spreads und Iron Condor

Beim Put-Credit-Spread verkauft man einen Put und kauft einen weiter entfernten Put als Absicherung. Dadurch ist der Maximalverlust begrenzt und die Margin geringer. Zwei solche Spreads (Put- und Call-Seite) ergeben einen Iron Condor – ein Strangle mit „Airbag“.

StrategieMarktmeinungRisikoFür Einsteiger?
Short Putneutral bis bullischhochnur mit kleiner Grösse
Covered Callleicht bullischwie Aktienbesitzja
Short Strangleseitwärtshoch, beidseitignein
Credit Spreadgerichtetbegrenztja
Iron Condorseitwärtsbegrenztja

9. Optionen auf Futures

Die Barometer beziehen sich auf Optionen auf Futures bzw. Indizes, die an grossen Terminbörsen gehandelt werden:

  • US500: E-mini-S&P-500-Optionen (CME), 50 $ pro Punkt. Micro: 5 $. Täglicher Verfall.
  • Nasdaq 100: E-mini-Nasdaq-Optionen (CME), 20 $ pro Punkt. Micro: 2 $.
  • DAX: ODAX-Optionen (Eurex), 5 € pro Punkt. Mini-DAX-Optionen: 1 €. Wöchentliche und monatliche Verfälle.
  • WTI: CL/LO-Optionen (NYMEX), 1’000 Barrel. Micro: 100 Barrel. Monatsoptionen verfallen einige Tage vor dem Future.
  • Gold: OG-Optionen (COMEX), 100 Unzen. Micro: 10 Unzen.

Vorteile: hohe Liquidität, fast rund um die Uhr handelbar, kapitaleffizient (SPAN-Margin). Nachteil: Grosse Kontrakte – schon ein einzelner Fehler kann viel Geld kosten. Für den Einstieg eignen sich die Micro-Kontrakte.

10. Risiko- und Money-Management

  • Positionsgrösse: Riskiere pro Position nur einen kleinen Teil des Kontos. Plane immer mit einem Szenario von −10 % bis −20 % im Basiswert.
  • Margin-Puffer: Nutze höchstens 30–50 % der verfügbaren Margin. In Crashs steigen die Anforderungen sprunghaft.
  • Exit-Regeln vorher festlegen: Zum Beispiel Gewinnmitnahme bei 50–70 % der Prämie und Stop bei 2–3-facher Prämie.
  • Termine beachten: Notenbank-Sitzungen, Inflationsdaten, OPEC+, Lagerdaten, Quartalszahlen – Ereignisse sorgen für Kurslücken.
  • Diversifikation: Mehrere kleine Positionen in verschiedenen Märkten statt einer grossen.
  • Nicht nachkaufen aus Trotz: Wer Verluste mit grösseren Positionen „zurückholen“ will, ruiniert sein Konto.
Wichtig: Short-Optionen erzielen über lange Zeit kleine, regelmässige Gewinne – und können einzelne, sehr grosse Verluste produzieren. Wer das nicht einkalkuliert, verliert langfristig.

11. Typische Anfängerfehler

  1. Zu grosse Positionen, weil die Trefferquote so hoch aussieht.
  2. Prämien verkaufen, wenn die IV extrem niedrig ist – wenig Ertrag für volles Risiko.
  3. In fallende Märkte hinein Puts verkaufen („ins fallende Messer greifen“).
  4. Kurze Laufzeiten mit hohem Gamma unterschätzen.
  5. Keine Exit-Regeln und Hoffen statt Handeln.
  6. Steuern, Gebühren und Währungsrisiko (USD/EUR vs. CHF) ignorieren.

12. Glossar

AssignmentZuteilung: Der Stillhalter muss liefern bzw. abnehmen.
BreakevenKurs, bei dem die Position bei Verfall weder Gewinn noch Verlust macht.
CreditErhaltene Prämie bei einer Verkaufsposition.
DTEDays to Expiration – Restlaufzeit in Tagen.
GapKurslücke, z.B. über Nacht oder am Wochenende.
P(ITM)Modellwahrscheinlichkeit, dass die Option im Geld verfällt.
RollenPosition schliessen und in einen späteren Verfall oder anderen Strike neu eröffnen.
SMA50/200Gleitender Durchschnitt über 50 bzw. 200 Tage – einfacher Trendindikator.
UnderlyingBasiswert der Option.

Diese Seite dient ausschliesslich der Bildung und ersetzt keine Beratung. Der Handel mit Optionen und Futures ist mit erheblichen Risiken verbunden.